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01.11.2015 - 18:15 Uhr

Juwel im Herzen Europas: Jelenia Góra/PL entwickelt sich zum Touristenzentrum

Jelenia Góra/Northeim (hakö). Die Neugier war der Antrieb. So begebe ich mich in diesen Herbsttagen in eine Region, wo sich einst der europäische Hochadel traf. Die stolzen Schleierherren betrieben vor über 250 Jahren von Hirschberg aus weltweiten Handel mit Leinenwaren. Sie waren die „Global Players“ ihrer Zeit. Das heutige Jelenia Góra (wörtliche Übersetzung von Hirschberg)  zeigt sich mit dem Riesengebirge und der Schneekoppe von seiner schönsten Seite. Das Touristik- und Sportzentrum empfängt mich mit einer Naturkulisse am Fuße der Sudeten, wie sie malerischer kaum sein kann.

Mein Weg führt mich aus dem südniedersächsischen Leinetal an den über 600 Kilometer entfernten Bober. Vorbei an Goslar, Wernigerode, Quedlinburg, Leipzig, Dresden, Bautzen komme ich in die Grenz- und inzwischen auch Filmstadt Görlitz, erreiche die Neiße, die Oberlausitz und schließlich Niederschlesien, tauche ein in eine Landschaft im Nachbarland Polen, die auf dem ersten Blick zwar verlassen erscheint, doch bei genauerem Hinsehen auch deutliche Zeichen einer sanften Neubesiedlung vermittelt. Über Lubań (Lauban) erreiche ich Jelenia Góra. Von hier aus erlebten Tausende Flucht und Vertreibung, siedelten sich vor 70 Jahren unter anderem auch im Leinebergland, in den Landkreisen Hildesheim und Hameln-Pyrmont an.

Jährlich zwei Millionen Besucher

Ich bin als Sohn einer Breslauerin nicht auf der Suche nach Spuren, ich möchte mich vielmehr umschauen in Jelenia Góra und im Hirschberger Tal mit seiner beeindruckenden Schlösserdichte. Dabei treffe ich auf Menschen, die mir aufgeschlossen begegnen, die sich öffnen, fragen und sich glücklich zeigen, im gemeinsamen Haus Europa eine (neue) Heimat gefunden zu haben. Ich höre von Problemen, die der demografische Wandel wohl auch in Polen mit sich bringen wird, vom erfolgreichen Bemühen, Touristen in eine Stadt zu locken, die jährlich immerhin zwei Millionen Besucher zählt.

Begeistert blättere ich in einer vom Stadtpräsidenten Marcin Zawiła herausgegebenen, neuen Investitionsbroschüre, in einem großformatigen Hochglanz-Kalender, der die „Perle des Riesengebirges“ in aktuellen, aber auch alten Aufnahmen zeigt und in einem brillant gestalteten, neuen Reiseführer „Riesengebirge“, der Tipps bereit hält für Wanderer, Kletterer, Radfahrer, Segelflieger, Kanuten und Skitouristen. Übersichtlich wird in deutscher Sprache über Erholungsorte, magische Plätze, Kulturzentren, Festivals, lokale Künstler und Handwerker, über Nordic-Walking-Routen informiert. Hirschberg darf sich „Fahrradhauptstadt Polens“ nennen, verfügt über ein erstklassiges Wegenetz. Eine Stadt und ihre Region stellen sich der Chance, auf europäischer Bühne eine besondere Rolle zu spielen und das mit Charme und Weltoffenheit.

Im Rahmen der Zusammenarbeit der Partnerstädte hat Jelenia Góra Kontakte mit 13 Städten in Europa, Nordamerika und Asien entwickelt. Freundschaftliche Beziehungen zum tschechischen Jablonec nad Nisou (Gablonz an der Neiße) bestehen erst sei wenigen Jahren. Dagegen ist man mit Erftstadt, Heidelberg, Boxberg/Oberlausitz und Bautzen schon länger verbunden. Und vor wenigen Tagen beschlossen Vertreter des Partnerschaftsvereins deutsch-polnische Verständigung mit Sitz in Alfeld (Leine) und Repräsentanten der Stadt Jelenia Góra und des Landkreises eine engere Zusammenarbeit auf kulturellem, wie auch touristischem Gebiet. Kontakte haben sich eröffnet zur Musikschule in Cieplice (Bad Warmbrunn). Mit (Foto-)Ausstellungen möchten beide Seiten auf den hohen Freizeitwert ihrer Region aufmerksam machen. Bereits im kommenden Mai wird der Partnerschaftsverein aus dem Leinebergland mit einem Stand auf einer Messe in Hirschberg vertreten sein. Schon jetzt im Terminkalender vormerken: Das 29. Hirschberger Heimattreffen im Spätsommer des kommenden Jahres in Alfeld/Leine.

Eine Vorreiterrolle in dem Bemühen, kulturelles Erbe wieder sichtbar und erlebbar zu machen, nimmt der Verein zum Erhalt der schlesischen Kunst und Kultur / VSK seit Jahrzehnten ein. Das deutsch-polnische Gremium tagte erst Anfang Okober in seinem Kulturzentrum, Schloss Lomnitz (Palac Łomnica). Es bewegt sich also etwas in der Riesengebirgslandschaft, im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien und das ist auch gut so. Projekte und Programme der EU sind wichtige Säulen auf dem Weg, dieses ganz besondere Herzstück Europas mit liebenswerten Angeboten noch transparenter und begehbarer zu machen.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Hirschberg ist auf einem guten Weg und das zu jeder Jahreszeit. In Nachbarschaft zu Karpacz (Krummhübel) mit der Kirche Wang, Szklarska Poręba (Schreiberhau), Kowary (Schmiedeberg) mit dem inzwischen weltberühmten Miniaturenpark, kann das einstige Hirschberg mit seinen einzigartigen Laubengängen, restaurierten Gruftkapellen auf dem Gnadenkirchhof, mit dem sehenswerten Riesengebirgsmuseum und der Philharmonie, mit seinem Ortsteil Bad Warmbrunn (Cieplice), der älteste Kurort Schlesiens, mit Palästen und Gärten, mit den Schlossanlagen in Stonsdorf (Staniszów), Lomnitz (Lomnica), Schildau (Wojanów), Wernersdorf (Pakoszów), Buchwald (Bukowiec) und Fischbach (Karpniki), um nur eine kleine Auswahl zu nennen, mithalten im Wettbewerb sehenswerter Städte und Regionen. Mein Besuch führt mich auch zum Schloss Erdmannsdorf, Sommerresidenz der preußischen Könige in Zillerthal-Erdmannsdorf (Myslakovice). Beeindruckend ist die Parkanlage, die von Joseph von Lenne gestaltet und jetzt wieder rekultiviert wurde. Die Tiroler Streckhöfe im heutigen Myslakowice besitzen ein weltweites Alleinstellungsmerkmal außerhalb des Zillertales.

Der rührige Verband der Riesengebirgsgemeinden unter ihrem Direktor Witold Szczudłowski, der 70.000 Einwohner im Landkreis Hirschberg vertritt und eine Zusammenarbeit mit der Stadt Alfeld und dem Landkreis Hildesheim wünscht, wird auch in Zukunft bemüht sein, das Juwel zu pflegen, auch in Abstimmung mit der tschechischen Seite, die sich mit dem etwa 70 Kilometer entfernten Hohenelbe (Vrchlabí), Spindlermühle (Spindleruv Mlýn), der Elbquelle, und dem Mekka der Skispringer, Harrachsdorf (Harrachov) keineswegs verstecken muss. Ganz im Gegenteil. Ein Tagesausflug über die Grenzbauden oder durch das Isertal nach Böhmen lohnt immer. Die Länder arbeiten grenzüberschreitend, eng zusammen im Rahmen des Projektes „Marketing für das Riesengebirge“, finanziert aus dem Europäischen Fonds.

Unterkunft findet man in Hirschberg unter anderem im Hotel Mercure nahe des Schwimmbades und unweit des Schlosses Paulinum oder auch im neu sanierten Tagungshotel „Fenix“ am Bahnhof. Es bietet sich aber auch die Pension „Karkonoska Chatka“ in Quirl (Kostrzyca) an, heute ein Ortsteil von Zillerthal-Erdmannsdorf (Mysłakowice), in dem ein neuer Miniaturenpark entsteht. Dort finden Gäste hölzerne Ferienhäuser für maximal acht Personen. Man zeigt sich äußerst kinderfreundlich mit großem Abenteuerspielplatz und Swimmingpool. Janina Jaszczur, die Chefin des Hauses spricht deutsch, erzählt mir von einer Vernetzung mit Verbänden „Ferien auf dem Bauernhof“ in Kärnten/Österreich und in Litauen. Sie möchte auch Ferienprogramme entwickeln für den Personenkreis Ü60.

Englisch erste Fremdsprache

Von hier aus sind es nur sechs Kilometer bis ins Zentrum von Hirschberg, dem dynamischen und modernen Zentrum am Bober mit aktuell 84.000 Einwohnern und angeblich 13.000 Unternehmen, unter anderem der chemischen Industrie, Elektro- und Möbelindustrie. 5.000 Studenten besuchen vier Hochschulen. Als mir die in Hirschberg lebende Reiseleiterin und Dolmetscherin Martyna Klementowska, die sich seit Jahren auch für den VSK engagiert, charmant in lupenreinem Deutsch verrät, dass Englisch die erste Fremdsprache in Polen ist, wird mir klar, wohin der Weg führt für das Land: Nach Europa! Und das macht mir Mut, rasch wieder zu kommen in die Heimat meiner Mutter, Schlesien!

Informationen über die Riesengebirgsregion (auch in deutscher Sprache): www.karkonosze.eu / www.ergis.cz. Auf Wunsch Zusendung einer Übersicht von Unterkünften im Hirschberger Raum, wo auch deutsch gesprochen wird. Kontakt: Hartmut Kölling, Postfach 1401, 37144 Northeim.


Fotos: hakö

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